Die Zeit **32 – Zeit des Nichtstun

Ich weiß schon: Nichtstun senkt Bruttoinlandsprodukt, holt niemand von der Straße und ist nicht wettbewerbsfähig. Das bedeutet aber nicht, dass Nichtstun sich um andere Menschen nicht schert. Im Gegenteil. Gelingendes Nichtstun geht nur davon aus, dass man mehr Schlechtes als Gutes bewirkt, solange man einem System angehört, das auf Wachstum, Verschwendung und Ausbeutung basiert. Auf meiner Bank unter dem Birnbaum verbessere ich die Welt nicht durch Tun, sondern durch Unterlassen. Denn Nichtstun ist friedlich und umweltverträglich. Es hält sich keine Arbeitssklaven in Bangladesh und verursacht kein CO2.

Probieren Sie es doch einmal mit Nichtstun. Gleich nach diesem Absatz. Sie brauchen keinen Hof dazu. Sie müssen Ihren Job nicht kündigen. Versuchen Sie nur, nicht aufzusteigen, das ist schon schwierig genug. Nichtstun ist keine Ideologie, sondern eher Versuch und Irrtum. Setzten Sie sich unter einem Birnbaum, oder auch nur ins nächste Wartezimmer, es ist nicht von geringster Bedeutung. Seien Sie stolz auf alles, was Sie unterlassen, und wenn es nur eine Nichtigkeit ist. Verzweifeln Sie nicht, wenn Sie einen Rückfall erleiden und in schädliche Tätigkeit flüchten. Nichtstun verlangt einem viel, manchmal alles ab. Das geht mir nicht anders. Denn Nichtstun ist eine Aufgabe fürs ganze Leben.

Der letzte Absatz aus einem Artikel in „Die Zeit“ Nr.11/2016 von Björn Kern.

 

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