die Etüden – (die erste Probe aus dem Gabentisch)

mil-026vergeben sie mir, maestra, aber

ich haßte sie und ihr klavier,

die teppichdumpfen mittwochnachmittage,

die falben klepper –

 

zähne, die gebleckte tastatur,

zögernd vor einem haus,

an dem der efeu seine partitur

bis über alle rinnen wuchern ließ,

 

dem butzenglas der tür, wo sich das licht

brach, dann zu bündeln schien, zu schwimmen,

bis etwas großes durch den brunnenschacht

des hausflurs stieg, bis sie, madame, erschienen,

 

perfekt und streng wie eine fuge

auf mich heruntersahen, sich erbarm-

ten und mir öffneten, den boogie woogie

für anfänger unterm arm.

 

wie gut ich heute ihre ungeduld

verstehen kann. die tonleitern, die längst

verklungenen akkorde – unvermittelt

kehrt alles wieder, wenn ich dem Gespenst

 

ihres parfums, schwer wie letzter akt,

im bus oder supermarkt

begegne: dieser unerbittliche takt

des metronoms mit seinem eichensarg,

 

aus dem ein dürrer totenfinger kam,

die pendeluhr, die fotos an der wand,

davor das schwarzlackierte ungetüm,

in dem sie etwas hören konnten, was ich nicht verstand,

 

all die zweiviertel – und dreisechstel –

etüden, jene schimmern –

de lampe tee auf dem tisch. und ich verwechsle

noch immer schubert und schumann.

Jan Wagner

 

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