Kategorie: PROSA und LYRIK
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Blick in die Welt und lerne Leben
Blick in die Welt und lerne leben, bedrängt Gemüt; braucht nur ein Tauwind sich zu heben und alles blüht. Die Hasel stäubt, am Weidenreise Glänzt seidner Glast, Schneeglöckchen lenzt im halben Eise Und Seidelbast. Braucht nur ein Tauwind sich zu heben. – Verzagt Gemüt, blick in die Welt und lerne leben: Der Winter…
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Kein Baum sieht den andern, jeder ist allein
Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein. Voll von Freunden war mir die Welt Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar. Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von…
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Frühlingsgrüße im Wohnzimmer
als ich als ich zum ersten mal traurig war das war kurz nach meiner geburt hörte ich draußen jemand gähnen darauf freute ich mich. Hans-Jürgen Hilbig https://belysnaechte.wordpress.com/
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Eins
Nein! Ganz vergeh‘ ich nicht, mag auch zu Staube werden, Was der Verwesung Raub, der Leib, den man begräbt – Im Liede lebt mein Geist, solange noch auf Erden Auch nur ein einz’ger Dichter lebt. Alexander Puschkin (übersetzt von Friedrich Bodenstedt)
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Ich stapfe einsam durch den Schnee
Es heben sich vernebelt braun Die Berge aus dem klaren Weiß, Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun, Steht eine Stange wie ein Steiß. Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf, Wie ihn kein Maler malen darf, Wenn er’s nicht etwas kann. Ich stapfe einsam durch den Schnee. Vielleicht steht links im Busch ein…
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Wart auf mich, ich komm zurück …
Wart auf mich, ich komm zurück, aber warte sehr. Warte wenn der Regen fällt, grau und trüb und schwer. Warte, wenn der Schneesturm tobt, wenn die Sonne glüht. Warte wenn die andern längst Ihres Wartens müd. Warte, wenn vom fernen Ort dich kein Brief erreicht. Warte – bis auf Erden nichts Deinem Warten gleicht.…
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Vielleicht eine Geschichte, vielleicht ein Traum
Das junge Mädchen befand sich in einem runden Gemach, das sein Licht nur von der Decke erhielt, von der es durch rotes Glas einfiel. Hayde lag auf blauen, silberbestickten Atlaskissen, stützte den Kopf auf den schöngerundeten rechten Arm und führte mit der freien Hand die Korallenspitze einer Nargileh zu dem Lippen. Sie trug die Tracht…
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Es gibt nur den Moment …
Es gibt nur den Moment. Der Augenblick ist die höchste Form von Ewigkeit. Vergangenheit und Zukunft sind Umwege. Sie führen weg von dir. Robert Schneider – „Die Luftgängerin“
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Bin ein Doppelspiegel klar und rein
Bin ein Doppelspiegel, klar und rein, Gottes schöne Welt zurückzustrahlen, Wie der Seele unsichtbares Sein Fast mit Händen greifbar hinzumalen. Auch ein Wunderschrank für all das Gold, Was die Sonne fürstlich mag verschwenden. Für das Silber, das in Nächten hold Sterne auf die Erde niedersenden Heinrich von Levitschnigg
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Hörst du, wie anders die Geige tönt
Hörst du, wie anders die Geige tönt, wenn wir plötzlich, mitten im Tanz, stehen und staunen? – Fühlst du das Wunder: zu leben – lieben zu dürfen in der Unendlichkeit Mitte – Spiegel zu sein der ewigen Gottheit, die sich verschenkt und verliert in die Unendlichkeit Mitte, wie wir … Alois…
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Stille – Windstille
Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen. Eduard Mörike
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Wie ich ein Blatt fallen sah
Hätte ich mich nicht nach dem zum Teil bereits nackten Zweigen umgedreht, so würde mir der Anblick des langsam- goldig zu Boden fallenden, aus üppigem Sommer stammenden Blattes entgangen sein. Ich hätte etwas Schönes nicht gesehen und etwas Liebes, Beruhigendes und Entzückendes, Seelenfestigendes nicht empfunden. Schaue öfter zurück, wenn es dir daran liegt, dich zu…
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Ein goldener Strom
An den flachen Ufern des Abends durchfließt ein goldener Strom die kleinmaschigen Netze nackter Bäume und füllt sie mit glitzernden Farben. Bald kommt die Dämmerung unter braunen Segeln und holt ihren Fang. Snorri Hjartarson – aus dem Buch „Am Meer und anderswo“ Silver Horse Edition
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Regen in der Dämmerung
Der wandernde Wind auf den Wegen War angefüllt mit süßem Laut, Der dämmernde rieselnde Regen War mit Verlangen feucht betaut. Das rinnende rauschende Wasser Berauschte verwirrend die Stimmen Der Träume, die blasser und blasser Im schwebenden Nebel verschwimmen. Der Wind in den wehenden Weiden, Am Wasser der wandernde Wind Berauschte die sehnenden Leiden,…
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Presse dich eng an den Boden
Presse dich eng an den Boden. Die Erde riecht noch nach Sommer, und der Körper riecht noch nach Liebe. Aber das Gras ist schon gelb über dir. Der Wind ist kalt und voll Distelsamen. Und der Traum , der dir nachstellt, schattenfüßig, dein Traum hat Herbstaugen. Hilde Domin